Nicht die Tonnage entscheidet, sondern die Kompetenz

Die Gießerei der Zukunft

07.09.2026 | CEO-Brief Dr. Alex Lissitsa

Der deutsche Gießereimarkt wird nicht zu den früheren Volumina zurückkehren. Deshalb reicht es nicht, bestehende Kapazitäten zu verteidigen. Entscheidend ist, mit welchen Produkten, Kompetenzen und Technologien unsere Werke auch in zehn Jahren wettbewerbsfähig sein können.

Das ifo-Geschäftsklima erholt sich, und auch die Auftragslage des Verarbeitenden Gewerbes verbessert sich. Bei den Gießereien kommt diese Erholung allerdings noch nicht wirklich an.  So verzeichnete die deutsche Gießereiindustrie laut dem Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie im ersten Halbjahr 2026 weiterhin rückläufige Bestellungen, obwohl die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe im selben Zeitraum insgesamt um 3,9 Prozent zulegten. Vor allem die schwache Nachfrage in wichtigen Abnehmerbranchen, hohe Energie- und Arbeitskosten, regulatorische Unsicherheit, Bürokratie und zunehmender Importdruck setzen den Standort unter Druck. Die Lage bleibt ernst.

Deutschland verliert Volumen – aber nicht zwingend Wert

Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Deutschland verliert vor allem dort an Boden, wo Gussteile standardisiert und primär über den Preis vergleichbar sind. Gleichzeitig exportiert Deutschland weiterhin komplexe und höherwertige Gussteile, während standardisierte und weniger komplexe Produkte zunehmend aus dem Ausland bezogen werden.

Die hiesige Gießereiindustrie bleibt damit gerade in anspruchsvollen Segmenten wettbewerbsfähig – auch wenn dieser Vorsprung unter Druck steht.

Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Deutschland wird den globalen Wettbewerb im Guss nicht über Masse und erst recht nicht über den niedrigsten Preis gewinnen, sondern über Qualität, Prozesskompetenz und Innovationsfähigkeit. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie können wir jede Tonne Guss in Deutschland halten? Sondern: Wie schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass anspruchsvoller Guss auch künftig in Deutschland und Europa entsteht – wettbewerbsfähig, effizient und technologisch führend?

Ohne faire Rahmenbedingungen keine Wertschöpfung

Natürlich ist hier auch die Politik gefragt. Wer in einer sich geopolitisch rasant verändernden Welt industrielle Wertschöpfung, Resilienz und technologische Souveränität für Deutschland und Europa sichern will, muss auch die vorgelagerten Fähigkeiten erhalten: die Fähigkeit, anspruchsvolle Komponenten in Europa zu entwickeln und zu fertigen. Genau das leistet die Gießereiindustrie. Sie braucht dafür politische Unterstützung, vor allem planbare Energiekosten und faire Wettbewerbsbedingungen.

Denn es steht einiges auf dem Spiel. Gießereien sind nicht nur Zulieferer. Sie sind Infrastruktur der Industrie. Gerade in einer Zeit, in der Resilienz, Versorgungssicherheit, industrielle Souveränität und auch Verteidigungsfähigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt rücken, sind sie mehr denn je systemrelevant. Wenn Gießereien verschwinden, verschwinden daher nicht nur Gießereien. Es entstehen Engpässe in den Wertschöpfungsketten von Automotive, Maschinenbau, Elektrotechnik, Energie, Infrastruktur und vielen weiteren Industrien.

Zwei Beispiele aus unseren eigenen Werken: Bei DIHAG Gienanth in Rheinland-Pfalz und bei DIHAG Zaigler in Bayern entstehen Zylinderkurbelgehäuse für Diesel- und Gasmotoren, die unter anderem als Notstromaggregate in Krankenhäusern und Kraftwerken zum Einsatz kommen. Und in der thüringischen Meuselwitz Guss Eisengießerei werden Rotornaben gegossen – das Herzstück jeder Windkraftanlage, an dem die Rotorblätter verankert sind und ihre Kraft in Strom umgesetzt wird.

Weg von der Verteidigung des Bestehenden, hin zur Gestaltung dessen, was als Nächstes kommt

Die Antwort auf den internationalen Kosten- und Wettbewerbsdruck kann allerdings nicht allein in politischen Forderungen liegen. Auch die Rolle der Gießereien muss sich verändern.

Der deutsche Markt wird nicht zu den früheren Volumina zurückkehren. Deshalb reicht es nicht, bestehende Kapazitäten zu verteidigen. Wir müssen entscheiden, mit welchen Produkten, Kompetenzen und Technologien unsere Werke auch in zehn Jahren wettbewerbsfähig sein können – weg von der Verteidigung des Bestehenden, hin zur selbstbewussten Gestaltung dessen, was als Nächstes kommt.

Für DIHAG bedeutet das: mehr Wertschöpfung, engere Zusammenarbeit mit den Kunden, konsequente Automatisierung und Digitalisierung sowie messbar höhere Produktivität. Nicht jede Tonne ist strategisch sinnvoll. Entscheidend ist die Wertschöpfung, die wir mit ihr erzielen.

Die Gießerei der Zukunft ist viel mehr als ein Ort, an dem Metall geschmolzen und in eine Form gebracht wird. Sie ist ein Ort, an dem Werkstoff-, Prozess- und Konstruktionswissen zusammenkommen. Sie verbindet Simulation, Automatisierung, Daten und Erfahrung. Sie hilft Kunden, Bauteile neu zu denken, Prozesse zu verbessern und komplexe Anforderungen wirtschaftlich umzusetzen. Damit verschiebt sich auch das Selbstverständnis: vom Komponentenlieferanten zum Technologie- und Innovationspartner.

Genau darin liegt unser Anspruch bei DIHAG: gewachsenes Know-how mit intelligenter Prozesssteuerung zu verbinden. Erfahrungen aus dem Verbund von zehn spezialisierten Werken systematisch zu teilen. Erfolgreiche Lösungen schneller zu übertragen. Und digitale Technologien gezielt einzusetzen, um Fertigung neu zu denken, Prozesse zu optimieren und Wertschöpfung nachhaltig zu steigern.

Unser Ziel ist klar: Wir wollen Europas erste Adresse für intelligenten Guss werden.